Sonntag, 9. März 2014

Sonntagstext - 9. März 2013




Der Kopf gegenüber

von Mario Hladicz

Ich erkannte den Kopf erst als Kopf, als er mir schon gut eine halbe Stunde direkt gegenüber auf einer Parkbank sitzend (oder sollte ich sagen: liegend oder vielleicht einfach: ruhend) offen in die Augen geblickt hatte. Schließlich rechnet niemand mit einem einzelnen Kopf, auch wenn man einem solchen direkt gegenüber sitzt. Über den Kopf gegenüber ließen sich ganz schöne Vermutungen anstellen, die mich, so dachte ich sofort, als ich den Kopf tatsächlich als den Kopf gegenüber identifiziert hatte, über diesen leeren Sonntag retten konnten. Fürwahr, dachte ich, dieser einsame Kopf dort gegenüber verleitete zu allerhand Spekulationen; etwa über Herkunft und Absichten und seinen Haarschnitt, über den, der ihn verloren oder womöglich sogar aus freien Stücken hier abgelegt hatte, und über seinen Zustand im Allgemeinen; sein Blick war ernst, zugleich nicht unfreundlich, hin und wieder zuckten seine Lippen. Bestimmt hatte er eine bewegte Geschichte. Ich wollte schon losdenken, da überkam mich ein tiefer Unwille, wahrscheinlich wegen der Verwendung des Wortes „fürwahr“ kurz zuvor. Das Wort passte mir nicht, trübte die Stimmung, machte mich alt und grau, schlussendlich lächerlich. So gab ich mein Vorhaben und mit ihm den Kopf gegenüber bald verloren. Von einem Moment auf den anderen war er mir, freilich schuldlos, zum Bild des Alltäglichsten geworden. Auch begann es leicht zu regnen. Also erhob ich mich, ließ den Kopf gegenüber Kopf gegenüber sein, floss zähflüssig weiter in eine andere Ecke dieses trüben Sonntags. Sollten sich andere Gedanken über ihn machen. Mir war er fortan der gleichgültigste.



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